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die formalstruktur der skifahrer auf der piste

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Die beiden Neo-Institutionalisten Meyer und Rowan1 haben es uns bereits im Jahr 1977 vor Augen geführt. Organisationen tendieren dazu, ihre Formalstruktur von ihrer tatsächlichen Aktivitätsstruktur zu entkoppeln, damit sie den Ansprüchen der Umwelt gerecht werden und ihr Überleben gesichert werden kann. Mit andern Worten formuliert, übernimmt die Organisation gegen aussen eine standardisierte und vor allem legitime Struktur an, währendem sie im Innenverhältnis eine entkoppelte Struktur aufbaut, die den realen Gegebenheiten angepasst wird. Dass jedoch nicht nur Organisationen eine entkoppelte Formalstruktur aufbauen, sondern auch Individuen die Fähigkeit einer Entkopplung besitzen, musste ich kürzlich in Adelboden auf der 6er Sesselbahn auf dem Weg auf den Sillerenbühl feststellen.

Auf der linken Seite sassen zwei ältere Herren in perfekter Skiaustrüstung. Der eine trug eine Hose von Spyder, auf der gut leserlich “BORMIO“ stand. Will der gute Herr damit etwa sagen, er wäre an den alpinen Skiweltmeisterschaften in Bormio mit dabei gewesen? Und sein Kollege trug auf seiner Jacke die goldene Aufschrift  “ALPAMAYO“. In Anbetracht seiner Bauchwölbung war es jedoch ausgeschlossen, dass dieser den peruanischen Berg (5947 m.ü.M.) bestiegen hat. Möglicherweise hat er ihn von unten fotografiert? Und zu meiner Rechten sass eine junge Boarderin deren Burton-Jacke mit dem Schriftzug “LUSH“ geschmückt war. Als man sie dann aber auf der Piste ihre verkrampften Kurven fahren sah, war das jedoch alles andere als abgefahren. Und der Freund dieser grossartigen Boarderin trug eine Mütze namens  “STALLION“. Ach du meine Güte, unter einem Hengst stelle ich mir doch wirklich was anderes vor! In meiner Entrüstung über die gegen aussen gerichtete Selbstdarstelllung dieser Skifahrer, betrachtete ich meine Handschuhe. Und auf denen war doch tatsächlich zu lesen: “SUPER GORE -30°C“. Als würde ich für derartige Temperaturen Handschuhe brauchen, da sitze ich doch schon lange bei einer heissen Ovomaltine im gemütlichen Bergrestaurant.

Während also Organisationen schöne Broschüren und Leitbilder entwerfen, deren Inhalt dann sowieso nicht umgesetzt wird, schmücken wir uns auf der Skipiste mit grössenwahnsinnigen Aufschriften. Nicht nur Organisationen sondern auch wir Menschen tendieren somit dazu, eine Formalstruktur aufzubauen, von der wir uns wohl ebenso einen Legitimitätszuspruch erhoffen.

1 Meyer, John/Rowan, Brian (1977): Institutionalilzed Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony. In: The American Journal of Sociology, Vol. 83, No. 2, S. 340-363.

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Foucault ĂĽber seine eigene Forschungsarbeit:

«Es handelte sich um Forschungen, die einander sehr verwandt waren, ohne indessen ein kohärentes Ensemble zu bilden oder eine Kontinuität aufzuweisen. Es waren fragmentarische Foschungen, von denen letztlich keine vollendet wurde, ja nicht einmal Folgen hatte, zugleich zerstreute und sich ständig wiederholende Forschungsarbeiten, die in die gleichen Konzepte, die gleichen Themen, die gleichen Begriffe zurückfielen [...]. All das schleppt sich hin, geht nicht vorwärts, wiederholt sich und bidlet kein zusammenhängendes Ganzes; im Grunde sagt es beständig das Gleiche, doch sagt es vielleicht auch gar nichts aus. In zwei Worten: es ist nicht schlüssig» Michel Foucault (1977): Intervista a Michel Foucault (Gespräch mit Alessandro Fontana und Pasquale Pasquino vom Juni 1976), in: A. Fontana / P. Pasquino (Hg): Microfisica del Potere: Interventi plitici, Turin, S. 55f.